"Komische Vögel" am TD Berlin: Satire zwischen NS-Sprachpolitik und Vogelbeobachtung
Salvatore Harloff"Komische Vögel" am TD Berlin: Satire zwischen NS-Sprachpolitik und Vogelbeobachtung
"Komische Vögel" am TD Berlin: Ein ungewöhnlicher Mix aus Geschichte, Natur und scharfem Selbstzweifel
Am TD Berlin sorgt ein neues Stück für Furore – mit einer ungewöhnlichen Verbindung von Geschichte und Natur. "Komische Vögel" vereint Ornithologie, die Sprachpolitik der NS-Zeit und scharfsinnige Selbstreflexion auf der Bühne. Die Produktion ist noch einmal am 21., 22. und 23. November zu sehen und bietet dem Publikum eine Mischung aus Absurdität und beißendem Kommentar.
Schon die Bühne erzählt eine Geschichte, bevor die Schauspieler auch nur ein Wort sagen. Übersät mit ausgeklappten fünfstufigen Leitern und überdimensionalen Pantoffeln in Form von Vogelkrallen, schafft sie eine Atmosphäre, die zugleich verspielt und beunruhigend wirkt. Hinter den skurrilen Requisiten verbirgt sich jedoch eine tiefere Kritik – eine, die mit den geplanten Kürzungen im Berliner Kulturhaushalt für 2026/2027 zusammenhängt.
Im Mittelpunkt des Stücks stehen drei Schauspielerinnen – Vanessa Stern, Verena Unbehaun und Mira Partecke –, die überzeichnete Versionen ihrer selbst verkörpern. Partecke trägt einen Hühnerkopf als Kopfbedeckung und spielt die naiv wirkende, großäugige Darstellerin. Unbehaun, in einem schwarz-weiß getupften Overall, übernimmt die Rolle der erfahrenen, ernsthaften Schauspielerin. Stern, in ein grünes Tarnnetz gehüllt, verkörpert diejenige, die das Chaos mit trockener Autorität lenkt.
Ihre Performance verwebt die Kultur des Vogelbeobachtens mit der dunklen Geschichte der Ornithologie unter dem Nationalsozialismus. Ein prägnanter Moment ist die Einführung des "Thors Hühner" – der von den Nazis umgetauften Lachseeschwalbe –, der die Stimmung auf der Bühne abrupt verändert. Unbehaun zitiert aus den Aufzeichnungen von Günther Niethammer, einem SS-Offizier und Ornithologen in Auschwitz, und enthüllt, wie das Regime die Wissenschaft für Propagandazwecke instrumentalisierte. 1938 wurden Begriffe wie "Flügelseeschwalbe" durch Namen ersetzt, die sich an nordischer Mythologie orientierten – Teil einer größeren Kampagne zur "Reinigung" von Sprache und Natur. Heute werden diese Änderungen als Pseudowissenschaft abgetan und wegen ihrer Verbindung zu rassistischer Ideologie verurteilt.
Auch vor Selbstkritik schreckt das Stück nicht zurück. In den Dialogen wird die Motivation der Darstellerinnen hinterfragt – warum sie überhaupt auf der Bühne stehen. Die Absurdität ihrer vogelinspirierten Rollen kontrastiert mit Momenten harter historischer Realität und schafft so ein Gleichgewicht zwischen Witz und Tiefe.
Sogar das Bühnenbild trägt eine Bedeutung, die über die Aufführung hinausgeht. Die Leitern und die krallenartigen Pantoffel sind keine zufälligen Objekte – sie deuten auf Instabilität hin, sowohl künstlerisch als auch finanziell. Angesichts der drohenden Kürzungen im Berliner Kulturbereich wirkt das visuelle Chaos der Inszenierung wie ein bewusster Verweis auf eine unsichere Zukunft.
"Komische Vögel" hinterlässt beim Publikum mehr als nur Lachen oder Unbehagen. Das Stück verbindet die Absurdität der Performance-Kunst, die Gefahren politisierter Wissenschaft und die ganz realen Bedrohungen für die Kulturförderung. Mit der Rückkehr ans TD Berlin nächste Woche haben Zuschauer erneut die Gelegenheit zu erleben, wie Geschichte, Satire und Selbstbefragung auf einer ungewöhnlichen Bühne aufeinandertreffen.