28 March 2026, 10:17

1973: Als Migrant:innen und Frauen Westdeutschlands Fabriken lahmlegten

Plakat mit der Aufschrift 'Kindera(r)beit ist eine nationale Bedrohung - Sollen wir die Industrie das Land fesseln lassen' in fetter schwarzer Schrift auf einem weißen Hintergrund, das eine vielfältige Gruppe von Menschen zeigt, die gemeinsam in Solidarität stehen.

1973: Als Migrant:innen und Frauen Westdeutschlands Fabriken lahmlegten

1973 erlebte Westdeutschland eine Welle spontaner Streiks wie nie zuvor. Über 275.000 Beschäftigte – viele von ihnen Migrantinnen und Migranten – legten in Fabriken die Arbeit nieder. Die Unruhen begannen im Februar und erreichten im August ihren Höhepunkt, veränderten dabei die Arbeitsbeziehungen im ganzen Land nachhaltig.

Die ersten wilden Streiks brachen im Februar aus und trafen die Gewerkschaften unvorbereitet. Bis August waren mehr als 300 Unternehmen betroffen – vor allem im Maschinenbau und in der Automobilindustrie. Migrantische Arbeiter:innen, die oft in abgetrennten Unterkünften lebten und harte Bedingungen ertragen mussten, führten viele dieser Proteste an.

Bei Pierburg in Neuss übernahmen Migrantinnen die Initiative und forderten gleichen Lohn für gleiche Arbeit. Ihr Streik endete mit der Abschaffung der niedrigsten Lohngruppe und Lohnerhöhungen – doch nicht ohne gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstrant:innen. Gleichzeitig kämpften Arbeiter bei Mannesmann für die Abschaffung der untersten Lohnstufen und deckten so die tiefen Ungleichheiten innerhalb der Unternehmen auf.

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Das Ford-Werk in Köln wurde zu einem weiteren Brennpunkt. Dort schlossen sich Belegschaft, Vertrauensleute und Betriebsrat auf neue Weise zusammen und lösten damit breitere Debatten über fairere Arbeitsbedingungen aus. Die Bundesregierung reagierte noch im selben Jahr mit einem Anwerbestopp für ausländische Arbeitskräfte – eine Maßnahme, die auch auf die wachsende Militanzer migrantischer Arbeiter:innen zurückging.

Frauen spielten eine zentrale Rolle in den Unruhen. 1973 arbeiteten über 12.000 Migrantinnen, viele von ihnen aus Griechenland, in westdeutschen Fabriken. Zwar waren sie häufiger erwerbstätig als einheimische Frauen, doch sie erlebten Diskriminierung – sowohl als Migrantinnen als auch als Frauen.

Die Streiks zwangen die Unternehmen zu Lohnerhöhungen und einer Neugestaltung der Entlohnungsstrukturen. Gleichzeitig verschoben sie die Machtverhältnisse und zeigten, wie sich migrantische Arbeiter:innen auch außerhalb der traditionellen Gewerkschaften organisieren konnten. Mit dem Anwerbestopp am Jahresende 1973 leitete die Regierung eine Wende in der Arbeitsmarktpolitik ein.

Quelle